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#andersgedacht: Von toxischer Unabhängigkeit und zerstörerischer Stärke

Lange habe ich gedacht, ich wäre unabhängig und stark, wenn ich alles alleine mache, wenn ich nichts und niemanden an mich heranlasse, wenn ich alles mit mir selbst ausmache, wenn ich niemanden brauche. Lange verwechselte ich Unabhängigkeit mit Selbstisolation und Stärke mit ungesunder Disziplin.


Heute ist mir klar, ich war nicht unabhängig und stark, stattdessen war ich unehrlich und stark verunsichert. In mir war eine Stimme, die mir immer wieder zuflüsterte, dass sich doch eh niemand wirklich für mich interessieren oder geschweige denn mir zur Hilfe kommen würde. Dieses Gefühl hatte ich lange in meinem Leben und dieses Gefühl holt mich auch heute noch immer mal wieder in bestimmten Situationen ein.

Woher dieses Gefühl kommt, weiß ich mittlerweile ganz genau. Und woher diese schrägen und toxischen Definitionen von „Unabhängigkeit“ und „Stärke“ kommen ebenso. Jede und jeder, welche*r schonmal Phasen in seinem Leben durchmachen musste, in denen die eigenen Bedürfnisse einfach übergangen, die lautesten Hilfeschreie ignoriert wurden und man niemals ernsthaft gefragt wurde, wie es einem geht, kennen wahrscheinlich dieses Gefühl. Dieses Gefühl, dass die einzige Person, auf die man sich verlassen kann, man selbst ist.


Doch so stark und diszipliniert man auch ist, irgendwann im Leben kommt der Moment, in dem man an die eigenen Grenzen stößt. Doch statt stehen zu bleiben, läuft man einfach weiter und überschreitet diese Grenzen. Den damit einhergehenden Schmerz und die unglaubliche Erschöpfung ignoriert man, denn man ist doch „stark“ und „unabhängig“. – Was einen nicht tötet, macht einen stärker. Also friss, oder stirb!


Aus diesem Teufelskreis oder Hamsterrad, wenn man es etwas possierlicher will, kommt man nicht so einfach raus. Man kann nicht von heute auf morgen diese selbstzerstörerische Sphäre verlassen, sondern muss es schrittweise tun bzw. damit anfangen, sich Stück für Stück dem Rand des Teufelskreises zu nähern bzw. das Lauftempo im Rad zu verringern. Das ist alles andere als einfach, denn man ist dazu aufgefordert, alte Denkmuster aufzubrechen, alte Glaubenssätze zu überschreiben und vor allem zu lernen, anderen Personen zu vertrauen.


Auch ich bin noch mitten drin, was diese kognitiven Umstellungen angeht. Denn wie alles, ist auch dies eine Reise. Eine Reise zu mir, zu meinen wahren Bedürfnissen, zu meinen Sehnsüchten, für die ich mich lange geschämt habe und die ich immer in dne hintersten und dunkelsten Teil meiner Seele verbannt hatte. Im Fokus, der Entscheidungen, die ich jetzt treffe, steht aber nun nicht mehr der Gedanke, wie ich in der "alten" Definition möglichst unabhängig und stark rüberkommen. Ganz im Gegenteil: Ich fordere mich dazu auf, tief in mich hineinzuhören und mich zu fragen, was brauche ich bzw. was wünsche ich mir wirklich, wenn ich mich von allen negativen Erinnerungen und Erlebnissen, von aller internalisierter Furcht vor Ablehnung und von allen "Wenn" und "Abers" frei mache?


Und am Ende ist das die einzig richtige Wahl, die ich treffen kann, der einzig richtige Weg, den ich gehen kann. Da im Endeffekt tatsächliche Unabhängigkeit bedeutet, unabhängig von erlernter Angst, betäubenden Unsicherheiten und bestehendem Trauma sein Leben zu leben. Das ist wirklich stark und das macht wirklich frei.




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