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#loudandproud: Realtalk zum Dicksein

Ich bin ein Mid-Size-Girl – und das auch nicht erst seit gestern, sondern jetzt schon seit mehreren Jahren. Was das für mich und alle anderen Frauen (und sicherlich auch Männer) bedeutet, möchte ich heute mit euch teilen.


1.        Das, was mich zuallererst schockiert hat, ist der Umstand, dass jeder Arztbesuch zu einem Drahtseilakt wurde. Trotz meiner Diagnose „Lipödem“ und dem Fakt, dass ich Medikamente nehme, die mir zum Teil das Abnehmen erschweren, werde ich von ärztlicher Seite immer wieder auf meinen BMI reduziert. Dieser ist faktisch „ungesund“, das weiß auch ich. Doch es hilft nicht, wenn ein Arzt oder eine Ärztin mir immer wieder rät, Gewicht zu reduzieren. Wenn das so einfach wäre, dann hätte ich das doch längst schon getan.

Übergewicht ist eine Krankheit, die genauso viel Respekt verdient wie jegliche andere Erkrankung auch. Einer*m Krebspatient*In sagt man ja schließlich ebenfalls nicht einfach „Werden Sie doch einfach wieder gesund!“.

 

Zudem finde ich es in heutiger Zeit, in der eigentlich Awareness auch für die psychologische Dimension von Übergewicht herrschen sollte, sehr problematisch, dass Gewichtsreduktion immer noch als ein rein körperliches Unterfangen dargestellt wird. Die emotionale Konstitution bzw. Disposition einer*s Patient*In wird oftmals ausgeklammert. Diäten werden empfohlen ohne Wissen, ob in der Vergangenheit beispielsweise Anorexie oder Bulimie vorlag. Auch Gewichtszunahme als Symptom von Trauma, Depression etc. spielen oftmals keine Rolle bei der Herangehensweise von medizinischem Fachpersonal – jedenfalls meiner Erfahrung nach.


Spiegel-Selfies sind die einzigen "Ganzkörperbilder", die ich noch von mir mache. Alle anderen Fotoformate meide ich, weil ich mich einfach nicht 100 Prozent wohl in meinem Körper fühle.
Spiegel-Selfies sind die einzigen "Ganzkörperbilder", die ich noch von mir mache. Alle anderen Fotoformate meide ich, weil ich mich einfach nicht 100 Prozent wohl in meinem Körper fühle.

2.        Was mich immer wieder aufs Neue irritiert, ist ebenfalls der Fakt, dass ich durch die Gewichtszunahme an Beweglichkeit eingebüßt habe. Manchmal vergesse ich nämlich einfach, dass ich über 20 Kilogramm zugenommen habe. Ich bin von Natur aus eigentlich ein sehr beweglicher Mensch mit überlangen Bändern und Sehnen. Diese Flexibilität habe ich insofern auch nicht verloren, dass ich immer noch in einen Spagat springen oder im Stehen mit flachen Händen den Boden berühren kann. Andere Übungen fallen mir jetzt jedoch schwerer bzw. ich kann nicht mehr meine volle Dehnbarkeit ausnutzen, da nun einfach Speckröllchen im Weg sind und insbesondere Übungen der Gattung „Vorbeuge“ einfach durch das ein oder andere Extra Kilo blockiert werden.










 

3.        Dass Shopping bei handelsüblichen Fastfashion-Ketten zum Teil zu einem Alptraum mutiert ist und ich nur noch in den wenigstens Geschäften Hosen in meiner Größe finde, ist wohl wenig überraschend. Viel unerwarteter kam jedoch die Einsicht, dass sich auch meine Schuhgröße verändert hat. Früher trug ich 38/39, nun brauche ich fast immer Sneaker, Boots etc. in Größe 40 und von passenden Stiefeln kann ich nur noch träumen. Selbst Weitschaft-Stiefel sind mir oftmals noch zu schmal, was einfach doppelt diskriminiert.

 

4.        Etwas, das ich erst im letzten Jahr zunehmend realisiert und vor allem auch für mich angenommen habe, ist der Fakt, dass man sich als übergewichtige Person oftmals viel dicker empfindet, als man eigentlich ist. An manchen Tagen wünschte ich mir, mich durch die Augen meiner Freundinnen sehen zu können, die mir immer wieder sagen, wie sehr sie mich um meine „weiblichen Rundungen“ beneiden. Denn, wenn ich mich selbst im Spiegel anschaue, sehe ich oft nur das, was nicht in das gesellschaftliche Idealbild passt, und reduziere mich oft selbst auf mein Gewicht und denke dann nur: „Naja wenigstens hab' ich ein hübsches Gesicht“. (Übrigens das Standardkompliment für dicke Frauen.)

 

5.        Zuguterletzt und wohl das Relevanteste: Mein Gewicht bestimmt nicht meinen Wert. Eine Lektionen, an der ich aber auch manchmal noch verzweifle. Denn das „Pretty Privilege“ ist kein Mythos, es wird in der Gesellschaft gelebt, sollte aber dadurch nicht zur Wahrheit werden. Und doch gibt es auch bei mir dunkle Tage, an denen ich dazu tendiere, daran zu glauben, dass wenn ich schlank, auch ein besserer Mensch wäre. Immerhin sei ein schlanker Körper ja ein Zeichen dafür, dass ich diszipliniert bin, dass ich auf mich achte, dass ich mein Leben im Griff habe. Aber das ist so ziemlich der größte Bullshit, den ich – wenn eine Freundin sowas über sich sagen würde – ohne nachzudenken als solchen entlarvt hätte. Denn wie bereits festgestellt ist Übergewichtig-, Mid-Size-oder Plus-Size-Sein keine Entscheidung, die man für sich trifft. Niemand steht eines morgens auf und beschließt: „Heute fange ich an, dick zu werden!“. Im Endeffekt ist Übergewicht genauso wie Untergewicht eine Folge verschiedenster Faktoren, über die eine Person entweder nie Kontrolle besessen oder die Kontrolle plötzlich verloren hat. PUNKT.

 

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