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#witchywomen: "Die antike Dr. Frankenstein" oder einfach "Isis"

23. Aug.
3 Min. Lesezeit

Ich bin eine Königin – eine Königin über Götter und Menschen. Ich bin die erste meines Namens und Tochter des Erdgottes und der Himmelgöttin. Verehrt mich! Verehrt meine Magie! Betet zu mir, wenn ihr krank seid. Betet zu mir, wenn ihr ohne Hoffnung seid. Betet zu mir, wenn euch ein Unglück droht, das ihr vermeint, nicht abwenden zu können – denn ich bin Isis, eure Mutter und gütige Königin.


Mein Leben war geprägt von Ränken, Mühsal und Neid. Mein größter Rivale war mein eigener Bruder, der andere mein Gemahl. An der Seite von Osiris herrschte ich gütig, doch Seth neidete uns unsere Macht. Verschlagen und listenreich, wie er ist, schmiedete er einen rachsüchtigen Plan und zerstörte fast, was uns als Königspaar zustand.


Auf einem rauschenden Fest brachte er zu unserem vermeintlichen Amüsement ein Geschenk: einen Sarg. Goldverziert und funkelnd stand er in unserer Mitte und Seth forderte alle auf, sich hineinzulegen, und versprach demjenigen, der perfekt in dieses Schmuckstück passte, einen großen Gewinn. Viele meiner Freunde und Geschwister nahmen im Sarg Platz, doch schnell stellte sich heraus, dass keine und keiner von ihnen den Sieg in diesem törichten Spiel erringen konnte. Zum Teil waren sie zu groß, andere wiederum zu klein und manch einer zu schmal oder zu kräftig.

Als mein geliebter Gatte an der Reihe war, zögerte auch er nicht, sein Glück zu versuchen, und siehe da – der Sarg war wie für ihn gemacht. Kein Wunder, denn Seth hatte ihn allein für seinen Bruder anfertigen lassen. Kaum hatte sich Osiris niedergelegt, da sprang Seth auf und schloss die reich verzierte Kiste mit einem unheilvollen Schlag – und Osiris war gefangen.


Voller Bestürzung hielten die anderen Gäste und ich inne. Die Starre hielt uns alle in unbarmherzigen Händen, während Seth sich mit seiner Falle davonmachte. Das war das Todesurteil für meinen geliebten Bruder und der Beginn der Herrschaft des anderen Arglistigen.


Doch um ganz sicherzugehen, dass sein Opfer nie wieder einen roten Sonnenaufgang über dem gewaltigen Nil erleben sollte, hackte Seth, der in seinem Wahnsinn vor nichts zurückschreckte, meinen geliebten Gatten in 42 Teile, die er dann über das ganze Land verteilte und versteckte. Mein Kummer schien endlos und meine Tränen schienen nie versiegen zu wollen – bis zu dem Tag, an dem ich einen Entschluss fasste.


Mit meiner Schwester Nepthys machte ich mich auf eine lange Reise durch das Reich. Ich suchte unter jedem Stein und grub sogar jede einzelne Wüste um, um zu finden, wonach sich mein Herz so sehr sehnte. Schlussendlich hatte ich alle Teile meines Gatten und des rechtmäßigen Götterkönigs gefunden – alle Teile bis auf einen: Es fehlte ihm seine Männlichkeit – und damit ausgerechnet jener Teil, ohne den uns der heißersehnte Nachwuchs weiterhin verwehrt blieb.


Doch ich bin nicht umsonst Isis, die Göttin der Magie. Also nahm ich einen magischen Faden zur Hand und fügte meinen Geliebten in hingebungsvoller Kleinarbeit wieder zusammen. Aus Lehm des Nildeltas gab ich ihm das fehlende Teil zurück und hauchte seinem erst noch schlaffen Körper wieder Leben ein. Ein Teil meiner Seele sollte ihn fortan am Leben erhalten und schwebt in Form eines Vogels für alle Tage über seinem Haupt.


Wie groß aber war meine Freude, meinen geliebten Ehemann wieder in die Arme schließen und in seine von Dankbarkeit erfüllten Augen blicken zu können. Dieser tief empfundenen Dankbarkeit wurde er in den folgenden Nächten auch gerecht, sodass ich schon bald wusste, dass neues Leben in meinem Unterleib heranwuchs.


Jedoch konnte Osiris, so wie er nun war, nicht mehr auf seinen angestammten Platz zurückkehren. Stattdessen zog er sich zurück und überließ seinem grausamen Bruder den Thron. Trotzdem blieb Osiris ein König, nur herrschte er nun nicht mehr über die Götter, sondern richtete über die Toten und regierte die Unterwelt.

Zurück ließ er mich – zwar in guter Hoffnung, aber auch in großer Gefahr. Ich floh vor meinem Bruder Seth, der die Auferstehung Osiris’ mit großem Misstrauen verfolgt hatte. Und auch wenn er sich nun nicht mehr von meinem Mann bedroht sah, hatte er auf niederträchtigen Wegen erfahren, dass in mir ein Königssohn heranwuchs.


Meine Leidensreise war mit der Rettung Osiris’ nicht zu Ende, stattdessen wurde ihr ein neues Kapitel hinzugefügt. Ich versteckte mich mit wachsendem Bauch im Schilf des Nils und wanderte dort umher, bis ich niederkam. Als ich schließlich meinen kleinen Sohn Horus in den Armen hielt, der im Erwachsenenalter über Himmel und Horizont herrschen und ein wachsames Auge auf alle Menschenkinder und Pharaonen haben sollte, waren all die Trauer, Last und Anstrengung mit einem Mal vergessen und ich konnte wieder Hoffnung schöpfen – auch wenn ich wusste, dass ein weiterer Kampf bevorstand, sobald mein Sohn das Mannesalter erreichen und sich seinem Onkel Seth stellen würde.

 
 
 

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