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#witchywomen: Ein Interview mit Hel

Ein Ausschnitt aus der Autobiographie von Snorry Starlason*

Der Autor Snorry Starloson ist bekannt für seine zahlreichen Interviews mit den Bewohnerinnen und Bewohnern der neun Welten. Er reiste als Journalist nach Asgard und Wanaheim, durch die heißesten Feuer und durch das kälteste Eis, um mit denjenigen zu sprechen, die die Geschicke von Midgard formten, beeinflussten und gestalteten. Sein Lebenswerk ist größer als Yggdrasil und reicht tiefer als der Urdbrunnen.

… Ich habe Interviews mit den größten Persönlichkeiten der nordischen Mythologie geführt. Thor hat bei unserem Gespräch einen Tisch zersplittert, als er sein Metglas darauf abgestellte. Sif hat mich keines Blickes gewürdigt, sondern bloß ihre zwergengemachte Haarpracht in jeder – noch so kleinen – spiegelnden Oberfläche bewundert und Odin, der Göttervater, brachte all seine tierischen Gefährten mit, die am Ende des Interviews mein gesamtes Büro zugekotet hatten.

Und doch war keine dieser Begegnungen so erinnernswert, so eindringlich oder so bedeutungsschwanger wie das Interview, das ich mit Hel führte. Auch wenn sie fast ausschließlich mit „Ja“ oder „Nein“ auf meine Fragen antwortete und dies auch der Grund war, wieso sich alle Zeitungen in Midgard weigerten, unser Interview abzudrucken, waren es für mich doch die prägendsten Stunden meines Lebens – sodass ich nicht anders kann, als ihnen und der Herrscherin der Heimstatt der Toten ein ganzes Kapitel zu widmen.


[Es folgt eine ausführliche Beschreibung Helheims – ausgestaltet in den mannigfaltigsten Tönungen der Farbe Schwarz.]


Als ich mein Büro betrat (nach einer ausgiebigen und sonnigen Mittagspause an einem besonders frühlinghaften Frühlingstag in Uppsala), wunderte ich mich bereits, dass die Jalousien heruntergelassen waren und der Raum in sanfte, aber doch durchdringende Schatten getaucht war. Meine Augen mussten sich erst an das Dämmerlicht gewöhnen und in der Zwischenzeit fragte ich mich, warum meine Sekretärin mein Büro abgedunkelt hatte. Ich liebte mein Büro doch gerade so sehr, weil die großen Fensterfronten so viel Licht und Helligkeit einließen. Das Interview war außerdem eigentlich erst für 16 Uhr angedacht, ich schaute auf das Display meiner High-Tech-Watch: Es war erst 14:31 Uhr.



Ich ging zu meinem Schreibtisch und wollte gerade wieder Licht in den Raum lassen, als eine ätherische, aber doch in ihren Worten so kraftvolle Stimme aus der hintersten Ecke meines Büros erschallte: „Nein“. Ich schreckte auf und blickte in Richtung der Quelle dieses eindeutigen Befehls: Dort saß eine unglaublich schöne Frau – auch wenn ihr Kinn für traditionelle Schönheitsideale etwas zu spitz und ihre Nase etwas zu markant gewesen sein mag. Aber ihre Augen – nein, ihr Auge, denn ich sah sie nur im Profil – war wohl das faszinierendste an ihrem Gesicht.


[Es folgt eine fast schon obsessive Erzählung über die wildesten Assoziationen, die der Autor mit Hels Augenfarbe hatte, die er u.a. mit so „samten Grau wie der erste Morgen nach einem schweren Sturm“ beschreibt.]


Ich entschuldigte mich bei ihr, trat von den verhangenen Fenstern weg, zückte meinen Notizblock und einen Stift. Dann schob ich meinen Schreibtischstuhl hinter dem Tisch hervor und in die Richtung der Ecke meines Büros, in der Hel „thronte“, obwohl sie bloß auf einem einfach IKEA-Sessel saß. Ich setzte mich mit gebührendem Abstand ihr gegenüber und fing wie gewöhnlich an: „Herrin Hel,…“. Doch sie unterbrach mich. „Einfach nur Hel“, sprach sie mit ihrer kaum hörbaren, doch alles durchdringenden Stimme. „Hel“, korrigierte ich mich, noch nervöser als vorher. „Ich danke Ihnen, dass Sie den weiten Weg nach Midgard auf sich genommen haben, um heute mit mir…“, ich stockte, denn irgendwas in mir wollte „unbedeutendes Würmchen“ zu meiner Selbstbeschreibung hinzufügen, ich fing stattdessen den Halbsatz noch einmal neu an, „…um heute hier zu sein und mir Ihre so kostbare Zeit zu schenken.“


[Es folgt eine ausführliche Nacherzählung des Interviews, das sich zunächst auf Fragen zu Hels Herkunft und Familiengeschichte beschränkt. Dieses ist wirklich nicht so ergiebig, da Hel immer nur mit „Ja“ oder einem Nicken auf Snorrys Wissebegierde antwortet, sodass dieser Teil des Interviews kurz wie folgt zusammengefasst werden kann: Hel ward geboren aus einer unehelichen Verbindung zwischen Loki, dem Reifriesen und Blutsbruder Odins, und der Riesin Angerboda. Zu ihren Geschwistern, dem Fenriswolf und der Midgardschlange habe sie, nach eigenen Angaben, keinen Kontakt mehr. Auch ihren Vater Loki und ihre Stiefmutter Sigyn habe sie seit Beginn von Lokis Schlangengift-Tortur nicht mehr gesehen – was in Anbetracht der Umstände auch nicht verwunderlich ist. Als Herrscherin über Helheim, den Ort, an den alle menschlichen Seelen kommen, welche weder ein besonders heldenhaftes, noch ein besonders bösartiges Leben gelebt haben, hat sie viel zu tun, ist sie doch diejenige, die die Seelenfragmente zusammenhält. Was die anderen Göttinnen und Götter so treiben, was in den anderen Welten – außer Midgard – so vor sich geht, interessiere sie nicht. Ihr einziger wirklicher Freund ist ihr dreibeiniges Pferd, dessen Name so unaussprechlich ist, dass er sich auch nicht schreiben lässt. Ihre Magd und ihr Knecht, Ganglot und Ganglati, dienen ihr bereits mehrere Leben lang, doch entlocken ihr die Nennung ihrer Namen keine Regung, sie bestätigt nur, dass die beiden in ihrer Abwesenheit ihr Heim Eljudnir hüten.]


Kurz vor Schluss unseres Interviews wurde ich immer mutiger, obgleich „mutig“ wohl nicht das richtige Wort ist, wenn man mit der Herrin der Toten spricht. Vielleicht müsste ich mein Verhalten doch eher als „tollkühn“ beschreiben, denn ich lehnte mich für meine letzte Frage ein wenig vor, sodass ich tief in Hels Auge blicken konnte und ein süßlicher Duft nach Äpfeln, die kurz vor dem Verfaulen stehen, mir in die Nase kroch. Er betäubte mich ein wenig und hüllt bis heute die letzten Worte unserer Konversation in einen Nebel, der mich die Frage vergessen ließ, die ich ihr stellte. Ich weiß nur noch, dass sich kurz ihre Gesichtszüge entspannten, ihr Blick wurde weich, ihr Mundwinkel zuckte und – ich würde es niemals beschwören, aber ich meine gesehen zu haben, wie sich eine winzige Träne in ihrem samtig grauen Auge bildete. „Manchmal“, begann sie, zu antworten, „wünschte ich, ein normales Mädchen zu sein.“


Doch bevor ich nachhaken, etwas darauf sagen konnte (was wahrscheinlich das Dümmste gewesen wäre, das je meine Lippen verlassen hatte), straffte sie ihre Schultern und wandte plötzlich den Kopf, sodass ich ihr Antlitz nun vollständig sehen konnte: „Aber mein Schicksal ist es, der Tod zu sein.“

Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie was wann passierte. Das einzige, das noch in meinem Gedächtnis spukt, ist der unscharfe Anblick ihres Gesichtes, den ich nicht mit anderen Worten beschreiben kann als „schrecklich schön.“ Dann war sie plötzlich verschwunden.


Als ich nach einer Weile aufstand (ich weiß nicht, wie lange ich dort noch gesessen und auf den leeren Sessel geschaut habe), fühlte ich mich schrecklich müde. Ich schleppte mich in Richtung Fenster und zog die Jalousien hoch. Die Nacht war längst über Uppsala angebrochen. Ich beschloss, nach Hause zu gehen und morgen das Interview abzutippen – nach einer Runde ausgiebigen Schlafes und mit wieder geschärften Sinnen und vor allem mit klarem Verstand. 

An dieser Stelle könnte ich den Bericht beenden, doch ich wäre unehrlich zu meinen Leserinnen und Lesern, was ich immer zu vermeiden suchte. Als ich nämlich am nächsten Morgen in mein Büro zurückkehrte, mich an meinen Schreibtisch setzte und eine große Tasse Kaffee trank, huschte mein Blick immer wieder in jene Ecke. Und plötzlich erspähte ich einen kleinen Zettel, der unter dem Sessel lag. In langen, schnellen Schritten durchquerte ich den Raum und langte dann mit zittrigen, schweißnassen Fingern unter das Sitzmöbel. Als ich den Zettel hervorholte, schlug mir wieder der Geruch nach überreifen Äpfeln entgegen und benebelte erneut meine Sinne. Auf dem Zettel standen nur drei Wort „Danke. Bis bald.“.

*Hierbei handelt es sich um eine rein fiktive Autobiographie und einen ebenso fiktiven Autor.

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